Wenn heute jemand zu einer frei wählbaren, aber festen beliebigen (nein das ist KEIN Widerspruch, glaubt mir) Stunde zwischen 1200 und 1700 im Informatikum die Tür C104 geöffnet hätte, dann hätte er sich gefragt, ob er nicht doch in einem Irrenhaus ist. Er hätte 4-5 ausgelaugte Gesichter gesehen, welche von wochenlangem Zucker und Koffein Mißbrauch gezeichnet sind. Die zu diesen Gesichtern gehörender Körper erfüllen Tätigkeiten wie Kekse so lange in heißen Tee dippen, bis man Schokotee hat, sehr fragwürdige Laute von sich geben, rum springen, sich mit Skripten gegen den Kopf schlagen oder darbieten, dass sie jegliche Form des menschlichen Umgangs verlernt haben. Gesprochen wird entweder nur in Buchstaben (sowohl Latein als auch Griechisch) oder in bösen Vergewaltigungen der deutschen Sprache in zu hohen oder zu tiefen Tonlagen (Prozessorkomplexität).
Wer sich nun fragt: Was treiben die da? Die Antwort ist leicht gegeben. Es sind ein paar der angeblichen Hochgeister, welche unsere Kultur in wenigen Jahren weiter nach vorne bringen sollen. Allerdings unter Lernstress. Um einen kurzen Anriß zu geben (kurz weil die Natur dieses Postes nicht Gewhine sondern viel mehr die meinen Lesern schon gewohnte nicht besonders objektive aber dennoch angebrachte Kritik sein soll) :
Die letzten 4 Wochen (damit sind 28 Tage, also der gesamte Februar gemeint) lag die erste Klausurenphase dieses Semesters. 4 Klausuren gabs zu schreiben, 3 haben wir uns vorgenommen. Die letzte gibts es im nächsten Block (Ende März). Damit auch genug Zeit hat um alles vernünftig zu lernen. Zeit hatten wir, aber war es genug?
Jeden Tag 6-10 Stunden mit Lernen zubringen. Manchmal bis zu 12. Kein Wochenende. Keine wirklichen Pausen (außer die 30 Minuten nach dem der Pizzaservice da war oder die 5 Minuten wenn einige Rauchen müssen). Nichtraucher gibt es in diesen Zeit eh so gut wie keine. Denn es ist einem alles egal. Was schon wieder 3 gratis BigMacs zum Mittag? Mir doch egal, hauptsache es geht schnell und man kann weiter lernen. Wie jetzt ungesund? Darum mach ich mir dann morgen Gedanken...
Anstand und Sitte gehen völlig verloren. Wie denn auch wenn man mit den gleichen Menschen weit über 50% der nicht-veschlafenen-Zeit in einem 15 m² Raum verbringt. Alle 5 Minuten zum Furzen rausgehen ist da nicht. Und so wie man gleichermaßen die anderen viel zu gut kennenlernt und anfängt sich an jeder Kleinigkeit von Ihnen aufzuregen, denn man ist ja die ganze Zeit mit Lernkrieg beschäftigt, da haut man auf alles ein was sich einem bietet, so wird man zu einer Gemeinschaft, fast wie Brüder. Brothers-in-Formula. In Lerngräben gibt es keine Atheisten.
Nun nach einem solchen Monat kann ich nicht umhin ohne die Frage zu stellen: Ist es das Ganze wert? Natürlich ist die Antwort auf die erste Interpretation dieser Frage, die nun bei Euch im Kopf schwebt,: JA! Natürlich ist es das wert. Man will ja später auch mal Geld verdienen, ein nettes Leben führen und vielleicht einen Titel tragen. Aber das meine ich nicht. Also formuliere ich die Frage um, damit ihr seht was ich meine: Ist das Ganze so richtig?
Ist es richtig, dass wir unseren Universitätsstudenten so etwas zu muten? Ich schreibe hier gezielt Uni-Studs. Ich will damit FHler nicht auschließen, sondern nur meine Aussagen beschränken.
Ein Universitätsstudent sollte wohl einer der o.g. Hochgeister sein, welche die Welt voran bringen. Unser Volk, unsere Kultur und unser Land nach vorne bringen. Neu Innovationen erringen, forschen und Freude an der Wissenschaft und an dem Verständnis für die größeren Zusammenhänge dieser Welt haben. Zumindest kommt mir das in den Sinn wenn ich an unserem Hauptgebäude die Inschrift "Der Lehre, der Bildung, der Forschung" sehe. Oder die Wand in Heidelberg. Oder den Eingang zur medizinischen Fakultät in Harvard. Oder den Collider am MIT. Oder... es gibt tausende solcher Beispiele.
Das Gefühl wird mir nicht mehr vermittelt. Ich halte mich nicht für den dümmsten auf dieser Welt. Das Studium läuft auch zumindest Noten- und Creditpoint-technisch extrem gut. Sogar besser als der "Bologna-Plan" es vorsieht. Aber Zeit für die oben genannten Sachen bleibt irgendwie doch nicht? Mir wird nicht vermittelt eine Wissenschaft zu erlernen und mich an ihrer unzähligen Vielfallt an Aufgaben und Herausforderungen zu erfreuen. Mir wird vermittelt, hier mach mal 3 Jahre Krieg. Es geht nicht darum Dinge zu verstehen sondern einmal kurz Dinge zu können. Lerne unendlich viel. Egal ob Du es verstehst. Sieh nur zu dass Du zu dem und dem Datum das kannst und hinbekommst. Und wenn Du das n-mal schaffst, dann bekommst Du Dein Zeugnis und darfst Geld verdienen gehen.
Wo bleibt da die Forschung? Die Lehre? Die Bildung? Wird das wirklich von einem Lehrplan erfüllt, der so eng gestopft ist, dass man 100+h in 2 Wochen durchlernt um dann zur Klausur eine Punktlandung hinzulegen, und eine Woche später 90% wieder vergessen zu haben, weil da ja die nächste Klausur wartet (oder 2 Wochen später).
Es ist nicht umsonst, dass in Deutschland zur Zeit jede 3.Professur unbesetzt bleibt und Doktoranden und WiMis die Vorlesungen halten. (Nichts dagegen, teilweise sehr gute Vorlesungen) Und das jede 4. Doktorandenstelle niemals auch nur einen Bewerber findet. Gut Masterstellen gibt es zu wenig. Das liegt aber an schwarz-gelben Sparprogrammen und daran, dass ein Bachelor der ja nach Bologna SO TOLL ist, gar nicht so viel Wert ist.
Aber woher sollen die Doktoren, Professoren und damit die Einsteins, Eulers, Leibnitz', Curie's, Bernoullies, Bellmonds, Fords, Dijkstras, Prims, Gauss' und was weiß ich nicht noch alle herkommen? Wenn niemand mehr die Idee eines Universitätsstudium vertritt, dass man hier etwas wundervolles lernt, seinen Kopf benutzt und vielleicht mal etwas wundervolles leistet? Und nicht wenn man alles nur Zielorientiert ist, und das Ziel ist fertig werden und Geld verdienen? Das kann doch nicht alles sein...
Ich bin mir recht sicher das man während seiner Lebzeit mit einer Relativitätstheorie oder einem A* Algorithmus nicht zu großem Reichtum kommt. Mit der Hälfte des Wissens und einer Ausnutzung unserer Gesellschaft für eine Smart-Phone App geht das schon. Und ich glaube ich muss nicht sagen, was hier wesentlicher und gehaltvoller ist.
Was passiert also wenn wir so weiter machen? Wir haben eine tolle Leistungsgesellschaft, die das Wissen von gestern verarbeitet und unendlich viel sinnlosen Bullshit macht. Aber die Lehre, die Bildung und ganz besonders die Forschung, die gehen uns verloren. Und wenn wir das erstmal verlieren...
Ist es das wert?
Ich glaube ich nenne meinen Sohn Albert und meine Tochter Marie. Bis zum nächsten Post,
der Koffein-Schoko-Tee-Zucker-Bullshit-Junkie
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